Der Celtis
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Nach einer kleinen Bootsfahrt zur Selbinger Felseninsel konnten unsere vier Freunde letztes Mal das Rätsel um den neuen Aufenthaltsort der mysteriösen Geheimorganisation lösen, der sie ein Amulett von Leutnant Kampf überbringen sollen. Zumindest dachten sie das – denn als Kel die kleine Pergamentrolle vorliest, die sie in einem Vogelnest gefunden haben, stutzen die vier.
„Unsre Zuflucht ist versteckt, dass nur Ihr sie je entdeckt, lest diese Zeilen und seht dann, ob ihr sie lösen könnt, irgendwann.
Wandern wir stets in der Nacht, hüten sie mit aller Macht, kommt woanders wieder Licht, dass die Dunkelheit zerbricht.
wir sind Anfang und Ende, im Land und im Gelände, An den Zyr sind wir gebunden, und trotzdem tief verbunden.
Zwischen den Elementen, beim Versteck der Agenten, muss jedes bezwungen sein, sonst kommt ihr nicht herein.“.
„Wie jetzt?“, beschwert sich Aldric lautstark. „Noch ein Rätsel?“ Auch Kel, Theo und Löwenzahn blicken genervt drein und lassen sich erst einmal auf ihren Hosenboden fallen. „Lasst uns eine Mittagspause machen und dabei etwas über das Rätsel nachdenken“, schlägt Kel schließlich vor. Während sie sich ein paar Reste gönnen, die Udo ihnen eingepackt hat, rollt Aldric eine Weltkarte vor ihnen auf dem Boden aus. „Also Anfang und Ende von Land und Gelände klingt erst einmal nach Küste“, erklärt Löwenzahn. Zustimmend nicken seine Freunde, und Stück für Stück fahren sie mit den Händen die Küstenlinie ab. „Dazu passen auch die Zeilen: ‚Zwischen den Elementen, beim Versteck der Agenten‘“, ergänzt Theo. „Doch wo treffen sich alle vier Elemente?“, fragt er in die Runde. „Vermutlich irgendwo, wo es Leuchttürme gibt“, überlegt Kel. „Schließlich gibt es dort Wasser, Erde und Feuer. Der Wind könnte die Luft darstellen.“ „Also suchen wir einen Leuchtturm an der Küste … weil es davon so wenige gibt“, fasst Aldric etwas niedergeschlagen zusammen.
Gemeinsam grübeln sie noch eine Weile über die Zeilen, bis Theo nachdenklich murmelt: „Was, wenn der zweite Absatz eine Himmelsrichtung vorgeben soll? ‚Woanders kommt wieder Licht‘ könnte für Osten, Süden und Westen stehen – also die Himmelsrichtungen, über die die Sonne wandert. Aber Schatten sind immer in der Nacht, also dort, wo nie die Sonne steht: im Norden.“ „Hm, finde ich schon viel Interpretation, aber etwas Besseres wüsste ich jetzt auch nicht“, antwortet Löwenzahn. „Was gibt es denn für Leuchttürme im Norden?“, fragt er in die Runde. „Wahrscheinlich nur am Celtis“, erklärt Theo. „Woher weißt du das denn?“, fragt Kel verdutzt. „Ich bin hier in den Bingster Ländereien aufgewachsen und kenne den Celtis aus Geschichten“, antwortet Theo und zeigt auf der Karte auf das große Binnenmeer, das von zwei langen Dämmen eingeschlossen wird. „Vielleicht sind die beiden Dämme ja unterirdisch verbunden, und dort liegt das Versteck“, überlegt der Halbling weiter. „Gut, etwas Besseres wüsste ich jetzt auch nicht. Dann lass uns das ausprobieren“, fasst Aldric zusammen.
Sie essen in Ruhe auf und wollen sich gerade auf den Weg machen, als Löwenzahn feststellt, dass ihr Boot noch immer im See liegt. „Ach ja“, antwortet Theo genervt, „das sollten wir wohl zuerst nach Hause bringen.“ „Auf gar keinen Fall fahre ich mit diesem Ding, wenn ich nicht unbedingt muss“, zetert Aldric und verkündet, dass er lieber am Seeufer entlang zu ihrer Strandhütte laufen möchte. Da die anderen drei glücklicherweise nicht unter Wasserphobie leiden, nehmen sie die bequemere Variante und schippern in Ruhe zum „Bleichenpreis“.
Dort treffen sie sich erst verhältnismäßig spät wieder und entscheiden sich dagegen, an diesem Nachmittag noch große Strecke zu machen. Stattdessen statten sie Bibiane erneut einen Besuch ab, um sich für die nächsten Tage wieder ein paar ihrer Pferde auszuleihen. Außerdem erkundigen sie sich in Selbingen nach dem Celtis, bekommen jedoch nur wenige Informationen. Immerhin erfahren sie, dass es sich um ein riesiges Binnenmeer handelt, das von zwei langen Steindämmen eingeschlossen ist. Früher wurde das Celtis angelegt, um Schiffen einen sicheren Hafen zu bieten, Fischern ruhigere Gewässer für ihre Kutter zu verschaffen und die Küste vor starken Fluten zu schützen. Damit empfinden unsere Freunde ihren Abend als ausreichend informativ und erfolgreich.
Der nächste Morgen verläuft unspektakulär, denn eigentlich wollen alle vier nur eines: endlich aufbrechen. Dank Bibianes Pferden holen sie schnell den Rückstand auf, den sie gestern durch das Zurückbringen des Bootes aufgebaut haben. Und da Theo aus der Nähe der Bingster Ländereien stammt, können sie sich auch längere Orientierungspausen sparen. Dennoch dauert ihre Reise fast den gesamten Tag, und sie erspähen einen der beiden großen Celtis-Dämme erst in der Abenddämmerung.
Etwas beunruhigt sie jedoch der Wachturm am Ende des Damms. Leise nähern sie sich ihm und horchen, ob sie etwas aus dem Inneren hören können. Da sie weder Geräusche noch Beleuchtung wahrnehmen, marschieren sie schließlich geradewegs durch die Eingangstür.
Tatsächlich ist der Wachturm wie ausgestorben – abgesehen von Lebensmittelresten in der Speisekammer, die vor sich hin schimmeln. Gemeinsam durchsuchen sie die zwei Stockwerke, finden jedoch keine neuen Waffen oder andere hilfreiche Dinge, die sie mitnehmen könnten. Zumindest nicht, bis Kel einen der letzten Schränke aufreißt und mehrere Rüstungen der zazyrischen Armee entdeckt.
Wobei „Rüstung“ fast übertrieben ist: Es handelt sich eher um einen schwarzen, bodenlangen Mantel, der über einem weinroten Wams getragen wird. Eine goldene Stickerei zeigt einen Baum mit sieben langen Wurzeln, die in einem Kreis enden, der den Baum vollständig umschließt – das Wappen von Zazyrus. Auf der Rückseite des Mantels befindet sich ein weiteres Wappen, diesmal in Weinrot. Ein goldenes Blatt dient als Spange und hält die beiden Seiten des Mantels am Hals des Trägers zusammen.
„Guckt mal, die könnten noch einmal praktisch werden“, ruft Kel seinen drei Freunden zu. „Absolut“, stimmt ihm Löwenzahn zu, und in Nullkommanichts sind drei Mäntel eingepackt. „Haben die nicht auch kleine Leute in der Armee?“, beschwert sich Theo, für dessen Größe zunächst kein Exemplar vorhanden zu sein scheint. Doch sein Ärger verfliegt schnell, als Löwenzahn im letzten Schrank auch noch eine Jugenduniform findet, die Theo wie auf den Leib geschneidert ist.
Sie verlassen den Wachturm wieder und schlagen ihr Lager in sicherer Entfernung auf – für den Fall, dass doch noch Soldaten auftauchen sollten. „Lasst uns die Pferde am besten hier anbinden und dann schnell los, damit wir heute Abend noch den Eingang zur Gilde finden“, schlägt Aldric vor. Kurz darauf sind sie abmarschbereit. „Wollen wir unsere Armeeuniformen anziehen?“, fragt Kel plötzlich.
Verwirrt blicken ihn seine Freunde an, und Kel erklärt: „So wie ich Kampf verstanden habe, ist das Ganze eine staatliche Organisation. Zazyrische Soldaten sollten also willkommen sein – irgendwelche schwer bewaffneten Randys dagegen vielleicht eher nicht.“
Überrascht von Kels tatsächlich logischem Gedanken wissen Löwenzahn, Aldric und Theo zunächst nicht recht, wie sie reagieren sollen, stimmen ihm schließlich aber zu. Schnell werfen sie sich die Uniformen über und machen sich auf den Weg zum Celtis-Damm.
Was sie dort erwartet, erfahrt ihr allerdings erst in zwei Wochen bei Arkanthia Pen and Paper.